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Zahnimplantate: Alles MIMI – oder was?

Beitrag von Dr. Sven Görrissen, M.Sc. Orale Chirurgie und Implantologie:

„Was, setzen Sie etwa noch keine MIMI Implantate?“ Mit dieser Frage wurden wir vor kurzem von einem Patienten konfrontiert.

MIMI, was heißt das eigentlich?

Dahinter verbirgt sich eine angeblich neue Behandlungsmethode und ein Implantatsystem eines Implantatherstellers. MIMI verspricht dabei besonders schonend und einfach in der Handhabung zu sein. Titanimplantate gibt es schon seit über 40 Jahren. In den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts hat ein schwedischer Wissenschaftler die Fähigkeit des Körpers erkannt, Titanoxidoberflächen in den Knochen fest einheilen zu lassen. Das Verfahren wird seitdem verwendet, um Prothesen mit den Zahnimplantaten als künstliche Zahnwurzeln mit dem Kiefer zu verbinden, oder neue – feste – Zähne in den Kiefer einzusetzen.

Warum also nun ein „neues Verfahren“ mit „revolutionären“ MIMI Implantaten?

In den letzten Jahrzehnten war die Implantologie Spezialpraxen überlassen, die sich auf die Chirurgie und die richtige Handhabung der Implantate verstanden haben. Implantate wurden zumeist und werden sie immer noch in mehreren Durchmessern und Längen angeboten, um sämtliche Kaukräfte nachhaltig auf stabile Fundamente zu stellen und durch kräftige Implantate abzusichern. Der Durchmesser eines Standardimplantats von 3,5 – 4 mm sollte nach einheitlicher Meinung führender Wissenschaftler für Einzelzahnversorgungen in den meisten Fällen nicht unterschritten werden. Als Faustregel gilt, der Knochen sollte mindestens eine Breite von 5 mm und eine Höhen von 8 mm aufweisen, damit das Implantat fest im Knochen verankert werden kann.

MIMI Implantate sind durchmesserreduzierte, also sehr schmale, konisch zulaufende Implantate, die einteilig, ähnlich dem Durchmesser eines Streichholzes, angeboten werden. Der Clou dabei: Es wird propagiert, dass der Zahnarzt keine besonderen chirurgischen Fähigkeiten zu haben braucht. Es müsste nicht mehr aufgeschnitten werden, sondern das Implantat wird durch ein kleines Loch im Zahnfleisch („Schlüsselloch-Methode“) von 1,3 mm Durchmesser in den Knochen gedreht. Dabei soll es gänzlich schmerzfrei und unblutig sein. Nach dem Prinzip, je dünner das Implantat, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass das Implantat nicht neben dem Knochen eingedreht wird.

Dieses Prinzip ist nicht neu. Es wird seit Jahren von den Implantologen angewandt, vorausgesetzt, die richtige Indikation wurde vorab gestellt, anhand der notwendigen diagnostischen Hilfsmittel, wie dreidimensionale Bildgebung oder ande-ren Methoden zur genauen Bestimmung der Dicke und Höhe des Knochens. Die Dicke der Schleimhaut, die den Kiefer umgibt, gaukelt dem unerfahrenen Implantologen schon gerne mal einen dicken Kieferkamm vor, obwohl sich unter der Schleimhaut nur ein dünner, spitz zulaufender Kiefer befinden kann. Erst nach der genauen Abwägung des ausreichend breiten Knochenlagers lassen sich durchmesserreduzierte Implantate durch die Schleimhaut einsetzen, um Prothesen gut und sicher zu verankern.

Vorsicht Trugschluss: “Implantieren leicht gemacht”

Was uns als Experten auf dem Gebiet der oralen Chirurgie und Implantologie beschäftigt, ist, dass sich zunehmend auch Zahnärzte an umfangreiche implantologische Versorgungen wagen, die sie sowohl chirurgisch als auch implantattech-nisch überfordern.

Das durch den Implantathersteller schnell ausgestellte Zertifikat, das zur Verwendung der Implantate des Herstellers legitimiert, ermutigt den damit „zertifizierten Implantologen“, sich womöglich zu weit aus dem Fenster zu lehnen.

Prinzipiell freut es uns, dass viele Kollegen den Weg zu dieser sicheren Versorgungsform in der Zahnheilkunde gefunden haben, doch die Grenzen des eigenen Handels sollten bekannt sein. Diese Meinung kommt nicht von ungefähr.

Kurz vor Urlaubsbeginn Ende Juni, also vor wenigen Wochen, erschien ein sehr unglücklicher Patient in unserer Praxis, der im Dezember letzten Jahres, von einer nach den MIMI Kriterien zertifizierten Praxis in Hamburg, im Ober- und Unterkiefer 19 Implantate gesetzt bekommen hat. Der Kollege versprach feste Zähne sofort und ohne Knochenaufbau, eben nach der MIMI Methode. Die Breite des Knochens ermittelte der Kollege zwischen Daumen und Zeigefinger, was nachweislich nicht der eigentlichen Knochenbreite entspricht.

Die fatalen Folgen falscher Versprechen

Da sämtliche Implantate im Kiefer beweglich waren, entschieden wir uns zu einer dreidimensionalen Bilddarstellung (DVT) in unserer Praxis und mussten feststellen, dass die Implantate neben den Kiefer gesetzt worden waren, und niemals fest einwachsen werden können. Verständlich, dass der Patient neben den bestehenden Schmerzen auch den Verlust der 19 Implantate schmerzhaft zu spüren bekommen wird. Nun weist der Hersteller auf seiner MIMI Internet-seite darauf hin, dass zwar die richtige Diagnose vor der Implantation gestellt werden muss, er behauptet aber auch, dass in 80% der Implantationen kein Knochenaufbau notwendig wäre und mit einer einfachen „Schlüssellochmethode“ Implantate durch die Schleimhaut hindurch gesetzt werden könnten. Das halten wir für eine gewagte Behauptung. Bezieht man diese Zahl auf die jährlich 800.000 alleine in Deutschland gesetzten Implantate, so bedeutet das, dass bei 640.000 Implantaten genug Knochen vorhanden wäre, um Implantate fest im Knochen zu verankern. Das entspricht bei weitem nicht unserer Erfahrung als Oralchirurgen oder Implantologen, die in den letzten 18 Jahren weit über 5000 Implantate gesetzt haben.

Bei mir bleibt der bittere Nachgeschmack, dass dabei mit der MIMI Methode und den entsprechenden Implantaten eine Marketingstrategie hervorragend aufgegangen ist. Nach Aussage des Inhabers schätzt er den Anteil seiner MIMI Implantate am deutschen Markt mit 20% ein. Das sind immerhin 160.000 Implantate, die die Firma jedes Jahr verkauft – wohlgemerkt nur auf dem deutschen Markt.

Dem oben genannten Patienten werden wir im Übrigen nach erfolgtem Knochenaufbau später eine Versorgung auf 4 Implantaten im Unter- und 6 Implantaten im Oberkiefer anbieten. Diese Versorgung wird sich preislich in ähnlichen Bereichen befinden, wie vorab die „billige“ Implantatversorgung auf den 19 durchmesserreduzierten Implantaten.

Wie kann ein Patient einen erfahrenen Spezialisten für Implantologie finden?

Nachfolgend sind einige Hinweise genannt, die aber keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben.

1) Ein guter Anhaltspunkt sind die deutschen wissenschaftlichen Fachgesellschaften für zahnärztliche Implantologie (z.B. DGI, DGZI oder DGOI), die einjährige Ausbildungsgänge für Zahnärzte anbieten, sogenannte Curricula, die der Zahnarzt mit einem Zertifikat der entsprechenden wissenschaftlichen Fachgesellschaft abschließt.

2) Der Titel `Tätigkeitsschwerpunkt Implantologie` (z.B. DGI) wird einem Zahnarzt verliehen, der ein Curriculum an einer wissenschaftlichen Fachgesellschaft absolviert hat, mehrere Jahre als Implantologe tätig ist und mindestens 70 Patientenfälle oder 200 Implantate gesetzt hat.

3) Dem übergeordnet ist der Experten- oder Spezialistenstatus der wissenschaftlichen Fachgesellschaften. Vorausset-zung ist der Tätigkeitsschwerpunkt. Diese Implantologen haben ihre Kompetenz in einer Prüfung unter Beweis stellen müssen und den Titel des geprüften Experten (DGOI) der entsprechenden Fachgesellschaft bekommen. Die Experten müssen alle 5 Jahre ihre Kompetenz erneut unter Beweis stellen, ein guter Weg, um die Qualität zu gewährleisten.

4) Aber auch Universitäten verschließen sich mittlerweile nicht mehr der Implantologie und bieten Masterstudiengänge an, die nach dreijähriger Ausbildung und Studium mit dem Titel M.Sc. (Master of Science) Implantologie und evtl. sogar orale Chirurgie beendet werden.

Diese Zertifikate bieten dem Patienten Schutz und Sicherheit in der Wahl des richtigen Zahnarztes, dem Implantologen, der dann nach entsprechender Diagnostik entscheiden kann, ob eine MIMI Methode oder doch das herkömmliche Verfahren der Implantologie auch in Kombination mit entsprechenden Knochenaufbauten angewendet werden soll. Der Patient hat das Recht umfangreich informiert zu werden, damit die Implantate möglichst ein Leben lang fest im Kiefer verbleiben können.

 

Über den Autor:

Sven Görrissen kompr.Juli_2013Dr. Sven Görrissen ist Master of Science in Oraler Chirurgie und Dentaler Implantologie sowie Mitinhaber der Dental Praxis und des Implantatzentrums Kaltenkirchen. Er zeichnet sich durch seine langjährige Erfahrung im Tätigkeitsschwerpunkt Implantologie (BDIZ) und Knochenaufbauten aus. Dr. Sven Görrissen ist zudem geprüfter Experte der Implantologie (DGOI), Spezialist der Implantologie (DGIZ) und Gutachter der Implantologie (DGZI). Dr. Sven Görrissen MSc ist Mitglied des Vorstandes der DGOI.

 

 

 

Kategorie: Für Patienten
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